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Reisemagazin - USA

Neuengland: Als würden die Bäume brennen

Wenn im US-Bundesstaat Maine der Sommer endet, verziehen sich die Touristenschwärme. Die "Locals" in den kleinen Städten entlang der amerikanischen Ostküste können kurz aufatmen. Ruhe – für ein paar Wochen. Denn mit den ersten Herbststürmen rollt die zweite Besucherwelle an – die "Leaf Peaker", Laub-Gucker, wie sie hier augenzwinkernd genannt werden. Sie kommen, um die letzte Schönwetterperiode des Jahres zu erleben: Den Indian Summer.

Über Wochen ausgebuchte Hotels in allen Preisklassen: Die Inn’s und Motels der gehobenen Klasse wechseln ihr Outfit. Kürbisse wohin man sieht – und Blätter in allen Farben: Der schönste Schmuck, den sich die Bundesstaaten Maine, New Hampshire und Massachusetts im September gönnen. Wer nicht in die Hektik des Geschäftemachens verfällt, wandert mit weitem Blick durch das waldreiche Hinterland - ein farbenprächtiges Spektakel von dunklem Grün über grelles Gelb bis zu feurigem Karminrot. Beim Rundflug mit dem Hubschrauber scheint es, als ob die Wälder in hellen Flammen stünden. Begleitet von ungewöhnlich mildem Wetter mutieren sie zu duftenden Oasen der Ruhe. Abend für Abend krönen leuchtende Sonnenuntergänge die prächtigen Herbsttage.

Das ganze Land gerät in Aufregung, wenn aus Neuengland die ersten "Blätter-Meldungen" kommen. Mehrmals täglich berichten nationale Fernsehsender über den Stand der Farbenpracht. Viele Gäste und auch Einheimische lieben die Märchen und Mythen über den schaurig-schönen Indian Summer und geben die Geschichten Generation für Generation weiter. Das tiefe Rot der Blätter, so eine alte indianische Legende, symbolisiert das Blut eines erlegten Bären.

Andere beschreiben den „Feuersturm“ als Warnung vor dem nahenden Winter – und mit dem ist an der Ostküste wahrlich nicht zu spaßen. Viel unromantischer – dafür aber auch wahrscheinlicher – ist eine andere Erklärung: Der spektakuläre Farbenzauber wird im Wesentlichen durch die starken Temperaturschwankungen hervorgerufen. Die oft warmen und sonnigen Tage werden von bitterkalten Nächten abgelöst. Dieses Klima blockiert den Flüssigkeitsaustausch im Geäst – und schon lässt der verbleibende Zucker die Blätter in den schönsten Farben leuchten.

Bis Ende November kann das Naturschauspiel andauern. Dann folgt ein eisiger Winter. Innerhalb von wenigen Tagen dringen Schneestürme bis weit ins Landesinnere. Schulen und Geschäfte schließen. Das öffentliche Leben kommt zum Stillstand. Dann ist Zeit, um sich an langen Kaminabenden neue Legenden über den Indian Summer zu erzählen.

(Angela Mayer)


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