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 Reisemagazin - Spanien
Die Kunst des Kampfes
Mensch gegen Tier. Mann gegen Fruchtbarkeitssymbol. Konzentrierte Eleganz gegen animalische Kraft. Wenn sich Toro und Torero in der Arena begegnen, kocht die spanische Seele. Die Corrida, der Stierkampf, ist der öffentliche Schauplatz iberischer Männlichkeit.
Stellvertretend für sein gesamtes Geschlecht muss der Torero in einem tödlichen Ritual seine Tapferkeit und Geschicklichkeit beweisen - und jede Geste zeigt, dass er mehr als bereit für diese Aufgabe ist. Archaisch, aber faszinierend.
Der Faszination dieser mythischen Begegnung konnte sich auch Schriftsteller Ernest Hemingway nicht entziehen. In seinem Roman "Fiesta" verherrlichte er den Stierkampf und verhalf der Stadt Pamplona zu Weltruhm. Dort wird jedes Jahr das San Fermin Festival von einem spektakulären Encierro, dem Einschließen, begleitet: Vom 7. bis zum 14. Juli werden morgens um acht Uhr die Stiere über eine etwa 800 Meter lange Rennstrecke getrieben. Sie bahnen sich ihren Weg durch enge Gassen bis zur Arena, ihnen voran laufen junge Männer. Nur mit einer gerollten Zeitung bewaffnet legen sie eine riskante Mutprobe ab. Wer zu langsam ist, wird schlimmstenfalls aufgespießt oder überrannt. Wer sich aber zu weit weg von den Hörnern hält, zeigt sich als Feigling. Unumstritten ist das Spektakel nicht: In den vergangenen 80 Jahren wurden bei den Stierrennen 13 Menschen tödlich verletzt.
Inbegriff des mutigen Kämpfers ist Francisco Romero, Erfinder des modernen Stierkampfes und Begründer der bedeutendsten Torero-Dynastie Spaniens. Er machte im 18. Jahrhundert den iberischen Stierkult, der im Mittelalter den Aristokraten als Zeitvertreib vorbehalten war, zur neuzeitlichen Volksangelegenheit. Er hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung eines Regelwerks, das noch heute für die Corridas gilt.
Ein Stierkampf ist kein Sport, sondern eine Kunstform, die einem festen Schema folgt. Der frei aufwachsende Stier hat noch nie zuvor einen Menschen mit einem Tuch gesehen und betritt die Arena als Opfer. Ein Tier, das schon Erfahrung gesammelt hätte, wäre für dieses Ritual nicht brauchbar. Der Torero hingegen hat jede seiner Bewegungen schon unzählige Male geübt: Den Einzug in die Arena, den Paseillo, die symbolische Übergabe der Schlüssel zum Tor der Kampfstiere, und den eigentliche Stierkampf, der aus drei Abschnitten besteht.
Im ersten Tercio kommt die Capote zum Einsatz, ein purpurrotes und gelbes Tuch. Zwei berittene Picadores wehren den Stier mit Lanzen ab. Im zweiten Teil stößt der Torero so genannte Banderillas in den Rücken des angreifenden Stieres. In der abschließenden Suerte suprema verwendet der Torero eine kleinere, rote Muleta als Tuch, um den Stier bis zur endgültigen Erschöpfung zu reizen. Ein in den Nacken gestoßenes Schwert ist der letzte Akt dieser blutigen Choreographie.
Je perfekter der Torero die Corrida absolviert hat, desto heftiger schwenkt das Publikum mit weißen Tüchern. Danach entscheidet sich, wie viel Ehre dem Kämpfer zuteil wird: Ein Ohr, zwei Ohren oder auch noch den Schwanz des Stieres erhält er als Trophäe. Die Hoden gehen als teure Delikatesse an ein Restaurant. Ein legendärer Torero zu werden, ist bis heute der Traum des Nachwuchses, der vor allem aus ärmeren Regionen stammt.
Für Ruhm und Reichtum wird das Risiko in Kauf genommen, selbst in der Arena den Tod zu finden. Davor sind sogar Legenden nicht gefeit: Francisco Rivera alias Paquirri etwa, einer der bekanntesten Toreros Spaniens, starb 1984 auf der Fahrt ins Krankenhaus, nachdem ein Bulle namens Avispado ihn auf die Hörner genommen hatte.
Alexander Bagnioli
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