 Reisemagazin - Kanada
Tatshenshini: Eisige Naturgewalt
Wer den Namen zuerst hört, denkt meist an Asien. Voll daneben. Der Tatshenshini River hat mit Asien so viel gemeinsam wie Sushi mit den Rocky Mountains. Zu finden ist er im Nordwesten Kanadas, im British Columbia Provincial Park.
Der Park gilt als eine Sammlung der Superlative. Hier liegt die weltgrößte Eisdecke abseits der Pole. Hier erheben sich Nordamerikas höchste Berge - die Gebirgskette St. Elias mit 20 Gipfeln über 4.000 Metern. Und hier versorgen mehr als 350 Gletscher das Tatshenshini-Flussbecken mit Wasser. Das Gebiet gilt aber auch als eines der instabilsten Flecken der Erde, der Park wurde von den zwei stärksten Erdbeben erschüttert, die in Nordamerikas je registriert wurden.
50 Säugetier- und 180 Vogelarten haben den Park zu ihrer Heimat erkoren. Er bietet mehr Grizzlybären Heimat als irgendein anderes Gebiet, dazu leben hier die größte Subspezies der Elche – Kenai genannt - sowie äußerst seltene Polarbären. Obwohl das Gebiet auf dem 60. Breitengrad liegt, verführt es mit üppiger, vielfältiger Vegetation: Dichter Gebirgswald aus Espen, Fichten und Schierlingstannen, dazwischen Lichtungen und Bergwiesen übersät mit Akeleien und Lupinen.
Eine Rafting-Tour auf dem Tat – wie man den Fluss hier liebevoll nennt – gehört fast schon zum guten Ton. Anfänger beginnen die Reise am besten in Whitehorse, bekannt geworden durch die Romane von Jack London. Hier ist der Tat kaum größer als ein Bach und daher auch für Neulinge akzeptabel. Doch es dauert nicht lange, bis die Wasser ihr wahres Gesicht zeigen und die kleinen Boote wie Nuss-Schalen herumwirbeln.
Wer genug von Action hat, lenkt sein Boot Richtung Sediments Creek, einem Nebenfluss des Tatshenshini. Von dort aus lässt sich die St. Elias Gebirgskette erkunden. Der Weg nach oben ist tückisch - Espen und hohes Gestrüpp zerren an der Kleidung, das tückische Geröll verlangt volle Konzentration. Als Belohnung winkt eine fantastische Aussicht auf das Tal und die Umgebung. Auch stößt man immer wieder auf Spuren von Bären: Zerkratzte Bäume, plattgedrücktes Gras. Angeblich halten Muskatblüten die Tiere fern ...
Der Fluss durchfließt die Grenze zwischen Kanada und Alaska. Dann verschmilzt er mit dem Alsek River zum Alsek Lake. Der See ist ein Auffangbecken für die abgestoßenen Eismassen der umliegenden Gletscher. Während die Boote vorsichtig durch das Labyrinth aus Treibeis navigieren, ermahnt das Grollen der Gletscher, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Immer wieder brechen Eismassen ab und stürzen, scheinbar in Zeitlupe, in das dunkle Wasser. Begleitet wird das Spektakel von gewaltigem Donner und feinem Eisregen. Welche Kräfte hier wirken, ist für viele kaum vorstellbar. Aber wenn man im Zelt liegt, kann man spüren, wie die gewaltigen Gletscher die Erde zum Beben bringen.
Alexander Bagnioli, XXL News
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